Jüdische Geschichte
Die Anfänge
Die bisher in der Literatur angegebene Gründung einer jüdischen Gemeinde am Ort durch Erlaubnis des Klosters Muri, des Ortsbesitzers seit 1715, beruht auf Akten aus dem Jahr 1764. Durch neuere Erkenntnisse muss diese Meinung mittlerweile als überholt angesehen werden.
Man weiß aus alten Prozessakten, dass schon vor 1579 Juden in Dettensee ansässig waren. Aus dem Jahr 1618 liegt ein Schuldbrief eines Nagolder Bürgers bei Gumprecht, einem in Dettensee wohnenden Juden, vor, über dessen Einlösung sich die Nachkommen der beiden noch 47 Jahre später stritten.
Die Juden wohnten in drei herrschaftlichen Häusern. Zumindest die beiden größten wurden nach Meinung von Herbert Zander von der Herrschaft zugleich als Wohnangebot und einzig erlaubte Wohnung für die Juden errichtet. Die Namen der Gebäude
bei der Bevölkerung, „Großer Judenbau“ oder „Judenkaserne“, deuten darauf hin. Auch die begrenzte Zahl jüdischer Familien am Ort ließe sich dadurch verstehen. Ab 1813 konnten die Juden die Wohunungen in diesen Gebäuden kaufen.
Die Verhältnisse waren erbärmlich. In den Bauten waren neben sämtlichen Familien auch ein Betsaal und ein Schulraum untergebracht. Mehr als zwei Räume besaß keine Familie, und das stete Bitten an den Abt von Muri, mehr Raum zur Verfügung zu stellen, blieb erfolglos.
Dennoch wuchs die jüdische Gemeinde, die 1806 zu Hohenzollern gekommen und dort neben Haigerloch und Hechingen eine von dreien war: 1820 konnte eine Synagoge eingerichtet werden, 1822 sogar ein eigenes Rabbinat. Man gründete 1826 auch eine jüdische Volksschule.
Die Blütezeit im 19. Jahrhundert
Die Juden waren damals bis auf einen Schulmeister, einen Vorsänger und einen Wirt allesamt
Händler. Doch die Möglichkeiten des Handels blieben durch Erlasse der Verwaltung stark
beschränkt, sodass etliche Juden nur mit Almosen und Bettelei überleben konnten.
Im Jahre 1830 erreichte die Dettenseer Judengemeinde mit 197 Mitgliedern ihren höchsten Stand.
Ein Friedhof war inzwischen eingerichtet worden, und mit einer Verordung der Fürstlichen Landesregierung
von Hohenzollern-Sigmaringen wurden die Juden 1849 emanzipiert: Sie durften Häuser kaufen,
konnten leichter heiraten und ihre Situation verbesserte sich erheblich. Doch in der folgenden
Zeit zeichnete sich der Niedergang ab: Die Juden zogen in die größeren Städte oder
wanderten nach Amerika aus. Waren es 1886 noch 143 israelitische Einwohner, zählte man 1890
nur noch 100, 1904 gerade noch vier. Schon 1902 war die Schule geschlossen worden. Den Armenfonds
übernahm die jüdische Gemeinde Haigerloch, den Schulfonds und das Vermögen der
jüdischen Gemeinde in Höhe von 4000 Mark die politische Gemeinde Dettensee.
Das Ende
Als 1933 die Nazis die Macht ergriffen, lebten noch zwei Juden in Dettensee: Die Geschwister
Hermann und Luise Hirsch. Hermann Hirsch hatte das Grundeigentum und das Vermögen der jüdischen
Gemeinde schon 1930 der Gemeinde Dettensee übergeben, die sich im Gegenzug zur Erhaltung
und Pflege des Friedhofs und zum Abriss der Synagoge verpflichtete.
Am 1. Juli 1934 starb Hermann Hirsch, womit die jüdische Gemeinde in Dettensee endgültig
erloschen war.
Seine Schwester Luise allerdings blieb bis zum 22. August 1942 in Dettensee. An diesem Tag wurde
die alte Frau nach Theresienstadt deportiert. Von dort kam sie am 26. September ins Vernichtungslager
Maly-Trostinec, wo sie ermordet wurde.
Wissenswertes
- Reste der jüdischen Gemeinde findet man noch heute: Der Friedhof ist noch intakt (siehe
Bild oben), und der Grabstein Hermann Hirschs ist ein Pfeiler der abgerissenen Synagoge. Auch die Tür des
Gebetshauses ist noch erhalten und dient heute als Eingangstür zu einer ehemaligen
Schreinerwerkstatt.
- Der berühmteste Dettenseer Jude, vielleicht der am ehesten bekannte Dettenseer überhaupt,
ist der Maler Salomon Hirschfelder. Er wurde am 16. Mai 1831 hier geboren und wuchs in den üblen
Verhältnissen auf, in denen alle Juden in Dettensee leben mussten. Später
zog zum Studium an der Kunstakademie nach München. Hirschfelder schaffte es, mit zwei seiner
Bilder in einem Münchener Kunstkatalog erwähnt zu werden; neben seiner Tätigkeit
als Maler fotografierte er auch und galt als begabter Musiker. Er starb 1903, nachdem er kurz zuvor
sein Gesamtwerk versteigert hatte.
- Um sein mageres Gehalt aufzubessern, so wird berichtet, fungierte der jüdische Lehrer
Friedmann Ende des 19. Jahrhunderts als Ehevermittler zwischen Christen.
Auguste Weil beschwerte sich 1899 darüber: „Lehrer Friedmann
bedreibt seit seinem Hiersein Kublereien, was doch ganz unter seiner Würde sein sollde,
zu welchen Zweck er sich Mittel erlaubt, […] und zu nicht würdigen Indriguen führt.“
Die Witwe ereiferte sich, der Leher betriebe dieses - bei Juden damals durchaus auftauchende -
Geschäft „alwie ein Handwerk“ und besuche stets die Frauen der Nachbarorte,
„um alles was forgeht in Erfahrung zu bringen.“
- Andererseits hatten es die Lehrer auch nicht leicht. Haium Sterns Sohn Abraham wollte einmal
für eine Woche beurlaubt werden; der Lehrer gewährte einen halben Tag, der Junge blieb
den ganzen Tag der Schule fern und wollte am nächsten Tag wieder beurlaubt werden. „Ich erteilte
[die Erlaubnis] nicht. Während des Unterrichts kam Haium Stern wie eine Furie mit einem
wohlproportionierten Stock in meine Schulstube, forderte mit größtem Ungestüm und
Drohungen seinen Buben, und behandelte mich, um es kurz zu machen, mit den größten
Grobheiten.“
Quellen: Hans-Peter Müller (Empfingen), Utz Jeggle (Tübingen) und Bernd Ballmann (Horb)
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